creditshelf magazin
Nº12 | April 2021
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Die Wirtschaft nach dem Corona-Winter


Es gibt Branchen, die haben „Glück im Unglück“ – ihre Dienstleistungen und Produkte sind aktuell extrem gefragt. Zu nennen sind hier unter anderem die Pharmaindustrie mit ihrer Kompetenz bei Impfstoffen gegen das Virus, Produktionsunternehmen für Hygieneprodukte oder Anbieter von Online-Services sowie im E-Commerce-Bereich. Demgegenüber stehen Branchen, wie der stationäre Einzelhandel, die Gastronomie oder der Tourismus, die teilweise um ihr Überleben kämpfen.    

Klare Mehrheit kommt gut durch die Krise

Dieses Stimmungsbild spiegelt auch das "Mittelstandsbarometer 2021" wider. Dafür befragte die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) deutschlandweit 1.150 mittelständische Unternehmen mit mindestens zehn Millionen Euro Umsatz verschiedenster Branchen. 57 Prozent der Befragten kamen demnach im Jahr 2020 ohne staatliche Unterstützung aus. Die verbleibenden Umfrageteilnehmer nahmen die Hilfsangebote, wozu auch das Kurzarbeitergeld zählt, in Anspruch. Im Ergebnis bewerten etwas überraschende 87 Prozent der Mittelständler ihre Geschäftslage zum Zeitpunkt der Befragung (November/Dezember 2020) als eher oder durchweg positiv. Grund dafür sei unter anderem, dass der Mittelstand die Themen Digitalisierung sowie Anpassung an Markt- und Kundenbedürfnisse in den vergangenen Jahren vorangetrieben hat. Außerdem wurden finanzielle Polster angelegt.

Einige Branchen hart getroffen

Blicken wir auf die Unternehmen, die es nur schwer durch die Krise schaffen, fällt auf: Sie hatten entweder bereits vor der Krise mit markanten Transformationen zu tun oder ihr Geschäftsmodell basiert auf dem Faktor Mensch. Beispiel Automobilindustrie: Laut EY-Studie nahmen 66 Prozent der mittelständischen Kraftfahrzeugbauer Unterstützungsleistungen der Bundesregierung in Anspruch. Die Branche befindet sich bereits seit einigen Jahren im Umbruch: E-Mobilität, Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung sowie daraus folgend gravierende Veränderungen in der internen Struktur sind kostenintensive Veränderungen, für die die Automobilindustrie bereits hohe Investitionssummen in die Hand nehmen musste. Die zusätzlichen Belastungen aufgrund der Corona-Pandemie trieben einige Automobilzulieferer und auch -konzerne an ihre Existenzgrenzen. Die Bundesregierung hat deshalb ein spezielles Förderprogramm namens „Zukunftsinvestitionen in der Fahrzeugindustrie“ für die Automotive-Branche gestartet. Es ist Teil des Konjunkturpakets zur Bekämpfung der Corona-Folgen. Der Förderumfang beträgt für den Zeitraum 2021 bis 2024 insgesamt 1,5 Milliarden Euro.

Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau haben bei ihren Einschätzungen gemischte Gefühle. So ergab beispielsweise eine Blitzumfrage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) im Januar 2021, dass zwar 80 Prozent der befragten Mitglieder Umsatzeinbußen zu verbuchen hatten. Die Prognose für das kommende Jahr fällt dennoch bei den meisten leicht positiv aus. Ein Grund dafür sei unter anderem der leichte Auftragsanstieg zum Jahresende 2020. Dreiviertel der Unternehmen rechnen mit einem Umsatzwachstum in 2021, vor allem auf den Absatzmärkten China und Nordamerika. Für Deutschland sind die Erwartungen eher gedämpft. Die tatsächliche Auftrags- und Umsatzentwicklung lässt sich allerdings erst in den kommenden Monaten – abhängig vom weiteren Pandemiegeschehen – bewerten. Hinzu kommt, dass der Maschinenbau eng mit der Automobilindustrie verzahnt ist und den dortigen Strukturwandel ebenfalls zu spüren bekommt.

Im Tourismus und den dienstleistungsnahen Bereichen mit Menschenkontakt gibt es kaum Möglichkeiten, die Geschäfte trotz Lockdown und Kontaktverbot weiterzuführen. Diese Branchen sind ganz besonders auf die staatlichen Hilfsgelder wie beispielsweise die Überbrückungshilfe III angewiesen, um auch nach der Coronakrise noch zu existieren. Im Bereich Tourismus und Gastronomie haben die einzelnen Landesregierungen deshalb spezielle Förderprogramme aufgelegt, um kleinere und mittlere Betriebe bei wichtigen Zukunftsinvestitionen zu unterstützen.

Investitionen bleiben weitestgehend konstant

Aufgrund der Unsicherheit über den weiteren Pandemie-Verlauf und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen üben sich die Unternehmen bei Investitionen vermehrt in Zurückhaltung. Laut EY-Studie planen nur 16 Prozent der Mittelständler, die Investitionen im ersten Halbjahr 2021 auszuweiten – das ist seit Beginn der jährlichen Umfrage in 2007 der niedrigste Wert. Das Geld soll hierbei vorwiegend in Homeoffice-Aktivitäten oder digitale Kommunikationsmittel fließen. Demgegenüber stehen 78 Prozent, die ihre Investitionen auf dem gleichen Level halten wollen wie bisher. Im Zuge der Lockdown-Verlängerung könnten sich noch mehr Unternehmen gegen eine Ausweitung der Investitionen entscheiden. Denn mit 74 Prozent liegt der Fokus bei der Mehrheit der Befragten auf Stabilität, nur 21 Prozent wollen in den kommenden Monaten wachsen.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Investitionsvorhaben der Unternehmen in den kommenden Monaten und auch abhängig vom weiteren Pandemieverlauf entwickeln. Worin wir uns alle sicherlich einig sind: Investitionen in Innovationen und Wachstum sind ebenso überlebenswichtig wie eine gute finanzielle Basis. Denn neue Produkte und Technologien, Automatisierungsprojekte oder angepasste Geschäftsmodelle sind essentiell für die Weiterentwicklung und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen im Allgemeinen.